Warum man in indischen Zügen besser nichts anfasst.

Aktualisiert: vor 7 Tagen


Als ich acht Monate alleine durch Indien gereist bin, war mein großes Motto: Ich mache ALLES absolut alles was mir Angst macht, damit diese Angst verschwinden darf. Denn wenn man hinschaut, wird sie weniger. Und ich muss sagen, ich war gut darin ins kalte Wasser zuspringen. Ich war voller Zuversicht dem Leben gegenüber. War vorsichtig aber fühlte mich auch etwas unsterblich. Was sollte mir schon passieren?

Und da gibt es die Züge in Indien. Die sind verrückt sag ich euch. Man kann es sich einfach nicht vorstellen wie diese ausschauen. Die Züge wurden damals von den Briten gebaut. Ungefähr vor 70 Jahren und seitdem sind Millionen von Menschen dort ein und ausgegangen. Richtig geputzt wurden diese seitdem glaub ich noch nie. Während jeder Zugfahrt kommt ungefähr einmal ein Mann mit schweren körperlichen Handicap vorbei. Schwerst entstellt, er kann nicht gehen und robbt am Boden entlang um diesen mit einem kleinen Besen aufzukehren. Dafür bekommt er manchmal Geld. Eine Szene, die einem das Herz zerreißt. Und ja ich glaube, dass dies die einzige Art von „Putzen“ in diesen überfüllten Zügen sind.


Dementsprechend schauen die Züge aus. Dreckig ist komplett untertrieben. In Österreich würde so ein Zug von der Gesundheitsbehörde geschlossen werden. Man versucht wirklich so wenig wie möglich zu berühren. Ziemlich schwer, denn die Züge sind immer überfüllt. Arm an Arm steht oder sitzt man. Kein Platz zum Umdrehen. Dein Rucksack liegt immer am Boden unter dem Sitz. Der ist nach jeder Zugfahrt schwarz. Oftmals sieht man die Ratten am Zugboden entlang flitzen. Keinen interessiert es.


Die Toilette besucht man nur im äußersten Notfall. Danach muss man von oben bis unten desinfiziert werden. Glaub mir, dass möchtest du nicht beschrieben bekommen.


Eine Zugfahrt in Indien kann von 7 Stunden bis hin zu 75 Tagen oder länger dauern. Es ist ganz normal, dass viele Inder vom Norden runter in den Süden fahren und mehrere Tage durch im Zug sitzen. Versorgt werden sie von fliegenden Verkäufern, die durch alle Zugabteile gehen und dir alle möglichen selbstgekochten Speisen, Früchte und andere Snacks verkaufen möchten. Als Europäer ist es nicht empfehlenswert diese Speisen zu essen, denn ungeliebte Parasiten begleiten dich sonst deine restliche Reise.


Die Züge in Indien sind in drei Klassen unterteilt.

High Class - Middle Class - Low Class. In der high class sitzen alle reicheren Inder. Die schmutzigen Sitze sind mit schönen weißen Lacken bezogen. Es gibt eine Klimaanlage und das Zugabteil ist generell schöner. Die High Class kostet ungefähr das vier - fünffache von der Middle Class. Für 4 Stunden Zugfahrt zahlt man um die 25 Euro. Ein absoluter Wucher in Indien. Das können sich nur Wenige leisten. High Class bin ich nur einmal gefahren. Dort redet keiner mit dir. Man erlebt zu wenig.


Mein Lieblingszugabteil war die Middle Class. Monate vorher ist dieses Zugabteil ausgebucht. Ich bin dann immer ohne Ticket gefahren. Angeblich geht das. Als Ausländerin haben sie mich jedenfalls immer mitgenommen. Dieses Abteil ist dreckig. Laut. Voll. Jeder hat einen Sitzplatz. Tagsüber sitzen alle herunten auf einer Art hängenden Matratze. Nachts werden die anderen hängenden Matratzen herunter gelassen. In der Luft übereinander hängend. Drei auf jeder Seite. Dort kann man sich dann hinlegen und schlafen. Wenn man ein Ticket hat. Leintücher gibt es in diesem Abteil natürlich nicht. Den Dreck konnte man von der Matratze runterkratzen.

In diesem Zugabteil sind die meisten gebildet. Mittelschicht. Arbeiter und Studierte. Im Zug weiß generell jeder, dass die weiße alleinreisende Frau da ist. Aber in diesem Zugabteil schaut jeder auf dich. Ohne Worte wird auf dich Acht gegeben. Sie geben dir Essen, verstehen nicht warum du ohne deinen Ehemann reist und was du machst. Da du alleine bist, wollen die meisten dich beschützen. Bieten dir sogar ihren Schlafplatz an und würden es in Kauf nehmen im Sitzen zu schlafen. In der Middle Class erlebt man viel. Es geht rund. Für 4 h Zugfahrt zahlt man um die 2 - 3 Euro. Leistbar für viele Inder. Deshalb ist dieses Abteil schon Monate davor ausgebucht.

Und dann gibt es noch die Lower Class. Man hört viel darüber. Ein Ticket kostet nichts. Nicht mal einen Euro für 4 Stunden Zugfahrt. Die meisten fahren schwarz und riskieren es. Schlafplätze gibt es keine. Die Menschen türmen sich. Oft hängen die Männer schon an der Außenseite des fahrenden Zuges, da es keinen Platz mehr gibt. Es ist verrückt. In diesem Zugabteil fahren all diejenigen die kein Geld haben. Die meisten in diesem Abteil haben keine Ausbildung. Lower Class wird im Reiseführer nicht empfohlen zu fahren. Zu gefährlich.


Natürlich hab ich es ausprobiert. Dachte ja ich bin unsterblich. Und ich hab mir fast in die Hosen gemacht vor lauter Angst. Meine schlimmste Erfahrung in diesem Zugabteil erfährst du in meinem nächsten Blogbeitrag.







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