Wenn du dich wie ein Tier im Zoo fühlst und du vor lauter Angst vergisst zu atmen.

In meinem vorigen Blogbeitrag hab ich dir schon alles über indische Züge erzählt, was du wissen solltest. Und wie du vielleicht noch weißt, wird im Reiseführer die Low Class Abteilung definitiv NICHT empfohlen zu fahren. Zu gefährlich. Eigentlich stand es auch nicht auf meiner Liste. Bis ich in Jaipur, in der blauen Stadt von Indien ankam.


Ich wollte nach Jaiselmar, in die goldene Stadt weiterfahren. Zwei ukrainische Freunde waren mit mir unterwegs und sind am Vortag schon mit dem Zug diese Strecke gefahren. Low Class. Komplett sicher. Könnte ich ohne Probleme fahren.


Beide waren prinzipiell sehr besorgt um mich und deshalb habe ich beschlossen, ich kann ihrer Erfahrung und Meinung vertrauen. Alles was man nicht kennt, sollte man zumindest einmal ausprobieren. Oder?



Vier Stunden ist die Fahrt - keine Distanz für Indien. Also wage ich es. Das Ticket kostet 0,40 Cent und ich betrete den Zug. Normalerweise sind Low Class Abteile in Indien so voll, dass die Männer AUßERHALB des Zuges irgendwo an der Türe oben hängen. Dieses Zugabteil war angenehm besetzt und ich konnte sogar einen Einzelsitzplatz ergattern. (Die gibt es nur ganz selten, sonst sitzt man Schulter an Schulter mit allen anderen Inder).


Als ich das Zugabteil betreten habe, hat für einen Moment jeder aufgehört zu reden und mich angestarrt. Stille in Indien ist was seltenes. Als ich mich dann hinsetzte, erklärten mir alle im Zug, dass ich falsch bin. Das hier ist die Low Class. Hier fahren keine Ausländer. Vor allem nicht Frauen. Ich muss das Abteil wechseln. Erst als ich ihnen mein Ticket zeigte, glaubten sie mir. Doch das Entsetzen und die Verwunderung was zum Teufel ich hier mache, war allen in das Gesicht geschrieben.


Regel Nummer 1 als Alleinreisende Frau in Indien ist, schau, dass immer andere Frauen in deiner Nähe sind. Deshalb bin ich mal das ganze Zugabteil abgegangen und hab alle Frauen mit Händen und Füßen gefragt wohin sie fahren. Gott sei Dank hatten alle das gleiche Ziel wie ich. Dann habe ich mich hingesetzt und zehn bis fünfzehn Männer haben sich um meinen Sitz in ungefähr 50 cm Abstand aufgestellt. Und dann haben sie begonnen mich anzustarren. Ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne wegzuschauen. Verständnislos. Fasziniert, weil sie weiße Frauen nur aus dem Fernsehen kennen und ihr Blick war auch richtig widerlich und Angst einflössend.


Na servas. Da hab ich mir was eingebrockt. Die Männer und die umliegenden Frauen wollten alle mit mir reden aber sie konnten kein Wort Englisch, denn in diesem Zugabteil fahren nur die Ungebildeteren. Die ohne Geld. Und das merkt man. Verwahrloste Kinder zwängten sich zu mir durch und konnten immerhin die Hälfte meiner Jause ergattern. Nüsse - viel zu teuer, dass sie sich diese leisten könnten.


Eineinhalb Stunden vergehen, die Männer haben mich noch immer mit indischen Höflichkeitsabstand umzingelt und starren einfach nur. Ich bin noch immer die Hauptdarstellerin im Zug. Mein Atem geht nur gestockt. Ich schreibe mit meinen ukrainischen Freunden, die versichern mir weiterhin, dass ich in Ordnung sein sollte.


Nach zwei Stunden bekomme ich einen Auszucker. Meine Geduldsfaden ist wirklich sehr lange. Aber jetzt reicht es. Ich bin ja kein Tier im Zoo. Also erkläre ich den Männern, sie sollen weg gehen. Woanders hinschauen. Zu diesem Zeitpunkt meiner Reise war ich noch zu freundlich. Hatte noch nicht gelernt wie man mit indischen Männern redet. Denn das erklärt man in Indien nicht freundlich. Mit starrer Miene schreit man diese an. Und dann schauen sie weg. Hätte ich das damals schon gewusst.


Also sitze ich weiterhin da und die Männer, die Frauen und die Kinder starren. Zwei Stunden noch. Alle 15 Minuten schicke ich eine Nachricht an meine ukrainischen Freunden. Sicher ist sicher.


Und dann schaut mich der Junge, der mir gegenüber sitzt an. Und fragt mich im besten Englisch, ob er mir eine Frage stellen kann. Endlich versteht mich wer. Ich könnte heulen vor Freude. Ich löchere ihn warum er so gut Englisch kann und was er hier macht. Maturant aus gutem Hause, der lieber Bücher liest anstatt fortzugehen. Deshalb spricht er so gut Englisch. Er sitzt mit seiner gesamten Schulstufe im Zug, da alle in Jaipur die Aufnahmsprüfung für das Militär gemacht haben.


Mit ernster Miene schaut er mich weiterhin an und fragt mich ob mir bewusst ist, dass der gesamte Zug seit zwei Stunden nur über mich redet. Ohne Pause. Jeder im Zugabteil. Ich nicke. Und dann kommt seine Frage, die mich fast vom Stuhl fallen lässt. „Ma’m are you able to protect yourself?“ Natürlich nicht! Ich hab ja schon Schwierigkeiten eine Fliege zu erschlagen. Er glaubt nicht, dass ich sicher sei und würde mir raten bei der nächsten Station auszusteigen. Zu meiner eigenen Sicherheit. Mir fällt meine Kinnlade runter. Das Herz rutscht in die Hose. Die Röte steigt ins Gesicht. Der Puls auf 250.


Wenn man Angst hat, nimmt sie dich überall ein. In jeder Zelle spürst du sie. Der Atem stockt und es gibt nur noch eine Schnappatmung, gerade so viel, dass man nicht erstickt. Dein System fährt hinunter und es gibt nur noch eines: ÜBERLEBEN. Wenn man Angst hat, kann man zu Beginn nicht mehr rational denken. Also kamen in dieser Sekunde ALLE Szenen, die ich mal gehört hatte über Vergewaltigung hoch. Meine Indien Reise traf nicht auf großen Zuspruch in Österreich und fast jeder konnte mir eine Schauergeschichte erzählen. Alles was ich in der Zeitung oder im Internet über Indien gelesen hatte, spielte sich vor meinen inneren Auge ab und ich war mir sicher, dass ich jetzt massenvergewaltigt im indischen Zug werde. Chancenlos.


In diesem Moment weiß man nicht so genau was man jetzt machen soll. Lachen oder Weinen? Aus dem fahrenden Zug springen? Die Mama anrufen? Na, das wäre keine gute Idee, dass hätten ihre Nerven wohl eher nicht ausgehalten.


Nach kurzer Schockstarre sammle ich mich und beginne ihn zu löchern. Was sagen alle? Warum denkt er das? Was soll ich jetzt machen? Seine Idee bei der nächsten Station auszusteigen, wäre wirklich gefährlich gewesen. Denn zu diesem Zeitpunkt war es schon dunkel. Und im Dunklen auf einen fremden Bahnsteig in Indien zu stehen, ohne zu wissen wann der nächste Zug kommt, ist noch beängstigender und definitiv gefährlicher.


Im Gespräch stellt sich heraus, dass er überbesorgt ist und einfach Angst hat, dass mir etwas passiert. Denn die nächste Zugstation ist eine große Station und wenn die Frauen den Zug verlassen, wäre meine Sicherheit gefährdet. Gott sei Dank habe ich alle Frauen zu Beginn gefragt was ihre Endstation ist. Wir einigen uns ich kann bleiben und glücklicherweise verlassen fast alle starrenden Männer den Zug.


Mein System entspannt sich. Der Atem fließt wieder. Innerlich bin ich komplett fertig. Die letzte Stunde unterhalten mich die Maturanten und ich kann sogar lachen.

Alles sicher. Fehlalarm. Lustig war es trotzdem nicht.


Low Class - nie wieder in meinem Leben.

Zumindest alleine






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