Wenn man mit der normalen Schere die Haare schneidet...



Bei einer Weltreise werden die Haare natürlich ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Durch das ständige Rucksack tragen brechen sie ab und die Wüstenluft zerstört sie natürlich komplett. Als mich meine beste Freundin Theresa in Indien besuchen kam, stand fest: Wir suchen einen Friseur. Kann ja nicht so schwer sein. Außerdem was kann man beim Haare schneiden schon verhauen? Das dachte ich damals...


Im kleinen ruhigen Örtchen Bundi in Indien gab es einen schönen Friseursalon nach dem anderen. Blöderweise sind wir ja in Indien und da ich eine Frau bin, dürfen mich die Männer im Herrenfriseur nicht schneiden. Tja, es war immer die Rede ich muss mir einen Damenfriseursalon aufsuchen, doch keiner konnte uns so genau sagen wo dieser ist. Nach ewig langem Suchen wurden wir aber (glaubten wir zumindest) fündig. Wir fanden den vermeintlichen „Frauen-Beauty-Palast“.

Kein Schild. Kein Zeichen. Nur ein Einfamilienhaus.

Durch das Wohnzimmer der vierzehnköpfigen Familie wurden wir in ein Hinterzimmer gebracht und siehe da ein schöner Spiegel mit einem großen gemütlichen Sessel stand dort und wir konnten es uns gemütlich machen. Einige Auszeichnungen zeigten die „angebliche“ Begabung der Friseurin und los ging es. Mit Händen und Füßen (natürlich spricht sie kein Englisch) erklärten wir ihr, was wir wollten. Die ganzen kaputten Haare sollen weg und um den Look zu vervollständigen sollten freche Stufen rein geschnitten werden.

Als die vermeintliche Friseurin dann mit der normalen Schere kam, hätte ich schon aufschreien sollen. Doch es ging zu schnell. 2 Minuten später war der Spuck dann auch schon vorbei und sie präsentierte mir ihr fertiges Werk.


Nun saß ich da. Mich im Spiegel betrachtend, wusste ich nicht wirklich was ich sagen sollte, denn meine Haare hatten ungefähr 20 verschiedene Längen. Sprachlos drehte ich mich um und blickte in das erwartungsvolle Gesicht der gesamten indischen Familie, die sich hinter uns versammelt hatte. Dann trifft mein Blick Theresa’s Blick und ich sehe nur wie sie vor lauter Lachen schon ihren Bauch halten muss und ihr die Tränen nur so runter kullern.


Verdattert sitzt ich da, blicke in den Spiegel und war mir nicht sicher ob ich jetzt lachen oder weinen soll. Da kam Theresa von hinten und bekräftigte mich: „Schaut gut aus, hinten hat sie alles in einer Länge geschnitten, wirklich. Und vorne ist es auch kein Problem, ich kann dir das mit der NAGELSCHERE im Hotelzimmer ausbessern.“ Na wenn das so ist und sie mir meine Frisur mit der Nagelschere ausbessern kann, glauben wir ihr mal - beste Freundinnen lügen ja nicht, oder? Also stimmte ich ins Lachen mit ein bis auch ich mir den Bauch halten musste.


Die Familie ganz verunsichert warum wir denn so lachen und ob es uns nicht gefällt, erklärte ich ihnen, dass ich es mir etwas anders vorgestellt hatte. Kein Problem, wie es in Indien ja der Fall ist, ich soll ihnen sagen wie ich es haben möchte und dann schauen sie sich ein Youtube Tutorial an und schneiden mir die Haare noch mal’s. Ich bevorzuge die Nagelschere im Hotelzimmer.


Scharfe 50 Cent verlangt sie dann für den Haarschnitt. DAS ist sogar für Indien sehr günstig für einen Friseurbesuch, denn die kosten normal um die 2 Euro. Hätten wir mal vorher fragen sollen.


Mit der frisch geschnitten Mähne geht es dann weiter zum Sightseeing. Bis ich mir der vollen Katastrophe bewusst werden. Jedes Mal wenn Theresa mich anschaut, bricht sie in schallendes Gelächter aus, bis ich sie zwinge ein Foto von meiner langen Haarpracht zu machen. Das Lachen nimmt kein Ende, denn keiner von uns beiden konnte es glauben, dass uns das wirklich passiert ist. Doch wie könnte man den Haarschnitt retten?


Wir klappern wieder alle Männerfriseure ab. Die wollen uns natürlich wegschicken. Aber als ich ihnen meine Haarkatastrophe zeige, zeigt er nur auf den Friseurstuhl, damit ich mich hinsetzen soll. Er schneidet wild drauf los. Eine Stunde lang versucht er die langen Haare zu retten, aber es hilft nichts. Weg damit. Von langen Haaren ungewollt zum Kurzhaarschnitt.


Blöderweise hat der Männerfriseur es auch nicht ganz geschafft, denn im Hotelzimmer kommen wir drauf, dass die rechte Seite um ein paar Millimeter länger ist als die linke Haarseite. Das mit der Symmetrie klappt wohl nicht so in Indien. Aber immerhin ist der Rest der Haarpracht nun auf einer Länge.


PS: Die Zertifikate der „Friseurin“ waren der Nachweis ihrer Kosmetikausbildung. Tja, lesen kann sinnvoll sein.


PPS: Ich glaube das war einer der lustigsten Tage meines Lebens.




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